10 Dinge, die wir schon jetzt von PokémonGo lernen können

Es ist nicht einmal eine ganze Woche offiziell verfügbar, und dennoch führe ich kaum noch ein berufliches Gespräch, in dem nicht PokémonGo vorkommt. Der vorherrschende Ton dabei ist immer getrieben von Faszination einerseits und dem bevorstehenden Ende der Menschheit andererseits, aber darunter liegt meist die Frage: “Was kann ich daraus für mein Business lernen, wie kann ich mir den Erfolg zunutze machen, was kann ich damit anfangen?” Nummer eins: Abwarten.

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Pokemons in meiner Wohnung und vor dem Flughafen Tempelhof


Dafür ist es wirklich noch sehr früh, aber man muss ja aussagefähig sein. Grundsätzlich gibt es zwei Ebenen – was kann ich mit dem Spiel anfangen, also… IN dem Spiel. Und was kann ich von dem Erfolg des Spieles lernen. Für die erste Fragestellung gibt es quasi gar keine Erkenntnisse. Bis auf die Möglichkeit, im App-eigenen Pokémon Shop “Lure Modules” zu kaufen, mit denen man seltene Monster anlocken kann – und damit spielende Leute, die seltene Monster fangen wollen – gibt es noch keine Möglichkeiten, sich als Geschäft zu engagieren.pok3

Vielleicht kommen eines Tages Sponsored Candys und Branded Incubators, Evolvement Packs powered by xyz und was auch immer. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Und wenn man mit “Lure Modules” eine Horde Spieler in seinen Karstadt oder auf seine Aral lockt – will man das? Entnerven die andere Kunden? Kaufen die etwas? Wir wissen es nicht, aber ausprobieren kostet nicht viel und wir werden den Moment schon nicht verpassen, in dem es sinnvolle Möglichkeiten für Geschäfte gibt, den Hype zu nutzen (das beste bisher: T-Mobile bietet seinen Kunden in den USA an, ein Jahr lang PokemonGo aus dem Datenvolumen herauszunehmen – was bei meinen Teenies übrigens nach 2 Tagen Spielzeit auch Problem Nummer 1 war).

Aber kommen wir zur größeren Frage: dem, was wir von dem unglaublichen App-Erfolg lernen können. Ist dieses der große Durchbruch von “Augmented Reality”, oder, wie der Gamer sagen würde, von “Alternate Reality Games?” Wahrscheinlich schon. Kann ich als Supermarktkette, Bank, Sportartikler oder Fernsehsender jetzt auch so eine App machen, und sie wird ein garantierter Erfolg? Natürlich nicht.

Ein toller Artikel in “The Atlantic” ordnet PokémonGo game-historisch ein und sieht den ersten historischen Genre-Vorläufer im Jahr 2001 (remember: das iPhone kam 2007). Und neu ist die Spielmechanik natürlich wirklich nicht. Dennoch ist es technisch anspruchsvoll genug, dass Nintendo das Spiel nicht selbst entwickelt hat – es baut massiv auf der Location-Datenbank und technischen Erfahrung von Ingress auf, einem Spiel des Co-Developers Niantic Labs, einem Google Spin-Off. Die Idee von augmented reality im Spielbereich ist also nicht neu – sie ist nur erstmals bei einem etablierten und geliebten “Franchise” umgesetzt worden: Ich persönlich sehe den bisher riesigen Erfolg des Spiels am ehesten in der Marke Pokémon begründet. Laut Wikipedia erschien das erste Pokémon Spiel 1996 für den Game Boy und hat sich seither durch alle wesentlichen Nintendo-Konsolen – Game Boy Colour, Game Boy Advance, Nintendo DS, Wii – hindurchgezogen. Jeder, der 1996 ein Teenie war und einen Game Boy hatte, wird vielleicht neben Tetris die intensivsten Erinnerungen an Pokémon haben. Eine ganze Generation jetzt ca 35jähriger Ex-Game-Boyer hat auf so ein Spiel nur gewartet.

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So sah das mal aus.

Alle jüngeren kennen sogar noch viel mehr aus dem Pokémon-Universum – aus Fernsehserien und von ihren Nintendos und Wii-Konsolen. Pokémon ist retro und neu zugleich, universell ansprechend und beliebt. Ich wage die These, dass Schmokémon ein Nischenspiel gewesen wäre. Deswegen ist es gar nicht so verwunderlich, dass der Börsenwert von Nintendo so massiv gestiegen ist (kurz nach Launch des Spiels um 7,5 Mrd. USD), obwohl das Technologie-KnowHow eher bei Niantic liegt: Nintendo sitzt auf einem Haufen Marken, die nur auf den Transfer in Richtung Smartphone und neuerer Technologien gewartet haben – man denke nur an das ganze Mario-Universum. Wäre ich also Viacom und hätte Dora the Explorer, SpongeBob, Ninja Turtles und noch so ein paar Brands in meinem Portfolio – jetzt wäre die Zeit, “augmented reality” als mainstreamfähig anzusehen. Aber als Sparkasse, REWE, Aral oder adidas? Man sollte sich hüten, den Fehler zu machen, der oft bei “neuen” beziehungsweise “neu mainstreamfähigen” Technologien gemacht wird: Irgendetwas da tun, nur, damit man “das Feld” (was auch immer das ist) mit-besetzt hat. Mit 8000 Downloads und 4 aktiven Usern. Und natürlich sitzen da jetzt die Startups und haben schon tausende ihrer Pitch-Decks aktualisiert – wie früher überall die “Tinder of Shoe Shopping” und “Tinder of Journalism” mushroomten, werden wir jetzt das “PokémonGo for Banking” und “PokémonGo of loyalty programs” sehen. Aber wie immer wird die Technologie kein Selbstzweck sein und es werden nur die Anwendungen erfolgreich sein, wo AR entweder Spaß oder großen Nutzen – und im Idealfall beides – bedeutet. Wenn ich also versuche, meine ersten Eindrücke nach 5 Tagen Nutzung zusammenzufassen, dann lande ich hier

1. Abwarten: siehe oben. Es ist wirklich noch sehr früh, ob das Ding je Geld verdient und Nintendos Börsen-Boost nachhaltig sein wird, weiß keiner.

2. “The Franchise”: Der Treiber des Erfolges ist die riesige Basis-Zielgruppe, die durch die Marke “Pokémon” gegeben ist – wenn man die nicht hat, wird die Luft schon dünn

3. Die Spielmechanik: Für den Mainstream ist die AR Anwendung neu, und sie passt geradezu perfekt in die Pokémon-Erzählung – die beste Mischung für ein Hype-Potenzial

4. Eine eigene Erzählung: Wenn man die beiden Elemente nicht hat, braucht man adäquaten Ersatz für eine eigene erfolgreiche AR-Anwendung (zumindest im B2C) – eine (beliebte, bekannte) Welt, aus der sich die künstlichen Elemente in die reale Welt integrieren lassen, und eine Erzählung, die das glaubhaft untermauert. Und selbst dann kann man die Spalte des Business Plans, in der steht, “wenn wir nur 4% der PokémonGo-Spieler erreichen, dann… “, getrost vergessen.

5. Die PR-Fraktion, die sich den Erfolg jetzt auf die Fahne schreiben will, darf sich wieder hinlegen. Erst war der User-getriebene Hype, dann kamen die ganzen Artikel.

6. Technik und Performance: Man sollte nicht unterschätzen, was so ein Ding mit Echtzeit-Charakter und lokalen Diensten auch in 2016 technisch heißt – erstens wäre Nintendo, wenn das ganz trivial wäre, auch ohne Niantic losgezogen und hätte das Spiel gebastelt, und zweitens gibt es dennoch solche Witze wie das Bild unten – zurecht, denn die Performance in den Anfangstagen des Dienstes, obwohl nur Land-für-Land ausgerollt wird, liegt nah an einer Katastrophe.

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7. User-Power:
Was man ganz sicher lernen kann, ist die “Power of Consumers”. Obwohl man das Spiel nur Land-für-Land ausrollen wollte, hatten Millionen von Spielern die App bereits außerhalb der offiziellen App-Stores auf ihren Telefonen Taschencomputern. Kaum gab es die US-Version, hat in meinem persönlichen Umfeld jeder Zweite schon mitgespielt. Auf die deutsche Version musste keiner warten, der wirklich spielen wollte.

8. Der Sammel-Aspekt des Spiels – die Motivation, eine Location aufzusuchen, kommt aus dem Spiel heraus. Die meisten Location-based-Konzepte sehen den Ort des Geschehens als gesetzt, und versuchen, Mehrwerte vor Ort zu schaffen. Das kann auch funktionieren, folgt aber einer völlig anderen Idee.

9. Kein “organisiertes Social Media”: Social, Mobile, Video – mindestens zwei von dreien muss man haben, um heute einen Erfolg zu landen – das war unsere Formel der letzten Jahre, und die scheint auch hier zu gelten. Aber erstaunlich ist, wie wenig “organisiertes Social Media” hier dabei ist. Das Spiel selbst nutzt die Google-ID für den Login (da Niantic quasi Google ist, muss man sich nicht wundern, dass der Facebook Login fehlt), und der internationale PokémonGo-Account bei Facebook hat unter 300.000 Nutzer (18. Juli) – eine inoffizielle Fanpage hat fast eine Million, und das Pokemon Franchise knapp 7 Millionen (was die Theorie von der Marke als Treiber unterstützt). Nirgendwo im Spiel sind Facebook-, Twitter- oder sonstige Shares eingebaut, außer der Möglichkeit, Fotos von real-life-Szenen zu machen, in denen sich die Pocket Monster tummeln, und die man dann – außerhalb der App – teilen kann. Obwohl das Spiel in sich hochgradig “social” ist, spielt organisierte Social Media kaum eine Rolle.

10. PR-Disasters waiting to happen: Alle wollen Pokémon spielen, und wenn die Server nicht funktionieren, ist das schlimm. Schließlich habe ich (noch) kein Geld, aber wertvolle Zeit investiert, und anders als bei anderen Spielen bin ich sogar kilometerweit gegangen, nur um jetzt keine Verbindung zum Server herstellen zu können, wo ich am PokéStop oder Gym angelangt bin, oder wo das seltene Pokémon vor meiner Nase herumtanzt. Einer Bank gegenüber würde man dennoch weniger Gnade und Wohlwollen entgegenbringen, wenn die App nicht performed. Aber auch das wäre noch handhabbar, im Vergleich zu Berichten, wonach Pokémon-Spieler an verlassene Orte gelockt werden, um ausgeraubt zu werden, oder Spieler eine Leiche anstatt eines Monsters finden. Oder wenn eher “Erwachsenen-Bilder” gemacht werden, in denen Pokémons auftauchen (Achtung: Link nur bedingt jugendfrei). Ein paar Dinge, die man mit solchen Technologien anstellen kann, sollten vielleicht außerhalb der eigenen “Brand World” passieren bzw. vor einer zu schnellen Konzeption einer eigenen Sache mitgedacht werden.

Ich kann mir also schon vorstellen, dass zur WM 2018 Panini seine Sammelbildchen irgendwo auf einer Karte versteckt, und Thomas Müller steht plötzlich vor mir auf der Straße oder dem Sportplatz und hält den Ball hoch. Ich kann mir auch vorstellen, dass ein netter kleiner Einkaufshelfer in Verbindung mit einem Chatbot in meinem Screen im Baumarkt steht und mir hilft, die richtige Schraube zu finden. Oder dass ein Starbucks-Charakter zählt, wie oft ich bei ihm Kaffee trinke und er mir Bonus-Punkte zurechnet, oder dass adidas oder Runtastic so etwas wie Jogger-Schnitzeljagden anbieten. Dafür mag PokémonGo eines Tages den Weg geebnet haben. Aber bevor man als Chef seinen “Digitalos” die Email mit “Warum haben wir nix mit Augmented Reality in der Mache?” als Betreff schreibt, macht es vielleicht Sinn, sich die Mechanismen anzuschauen, die PokémonGo zu diesem Hype gemacht haben, der er derzeit ist. Und ob man die Voraussetzungen mitbringt, um sich diese Mechanismen zu Nutze machen zu können.

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